KUNST: Amuse-Bouche 2012


Die Werkreihe Amuse-Bouche untersucht die Grenze zwischen ursprünglicher körperlicher Notwendigkeit und späterer kultureller Codierung und verbindet dabei biologische Grundfunktionen mit Fragen nach Identität, Wahrnehmung und Bedeutung.

 

Schreien und Saugen werden als elementare Akte des Selbsterhalts verstanden – als erste, unmittelbare Formen des In-der-Welt-Seins. In diesem Zustand ist Kommunikation noch nicht sprachlich organisiert, sondern rein körperlich verankert: als Ausdruck von Bedürfnis, Spannung und Abhängigkeit. Ausgehend von der Beobachtung, dass der Mensch früh auf orale Formen der Selbsterhaltung angewiesen ist, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Autonomie und grundlegender Verbundenheit.

 

Lippen erscheinen in diesem Kontext als zentrale Schnittstelle zwischen Innen und Aussen. Sie fungieren als Organe der Sinnlichkeit, des Küssens, des Essens, des Instinkts und der Kommunikation. Gleichzeitig sind sie unmittelbar an Lautbildung und mimischen Ausdrucksformen beteiligt und bilden damit eine Zone, in der Körper, Emotion und Sprache ineinandergreifen.

 

Vor diesem Hintergrund stellt die Arbeit auch die Frage, ob es tatsächlich „männliche“ und „weibliche“ Lippen gibt – oder ob diese Kategorien primär kulturell geprägte, idealisierte Zuschreibungen sind. Lippen werden nicht als eindeutig definierte Zeichen gelesen, sondern als vielschichtige Träger von Bedeutung, in denen sich biologische Funktion und kulturelle Projektion überlagern.

 

Die geschaffenen Lippenobjekte entstehen in einem isolierten, konzentrierten Prozess. Jede einzelne Form wird als eigenständiges Individuum verstanden, das dennoch in Beziehung zu den anderen steht. In ihrer Multiplikation entsteht kein geschlossenes System, sondern ein offenes Feld möglicher Körper und Identitäten – Fragmente einer möglichen Vielheit des Selbst.

 

So bewegt sich Amuse-Bouche zwischen Biologie und Symbol, zwischen Notwendigkeit und Ausdruck, zwischen Körper und kultureller Zuschreibung. Sie untersucht, wie Bedeutung im Spannungsfeld von Materialität, Wahrnehmung und Kommunikation entsteht – und wie aus archaischen körperlichen Prozessen kulturelle Formen des Verstehens hervorgehen.


Amuse-Bouche

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Über Amuse-Bouche

Mit Lippen befasse ich mich seit 2007. Den Prototyp mit dem Titel «sputnik» hab ich damals in Russland zum Konzept TRANSMISSION während des Bildhauersymposiums «Melodies of Bronze» geschaffen. Ich befasste mich dafür intensiv mit dem Thema Kommunikation. Seither entwickle ich meine Lippenobjekte weiter.

 

Das Bild «Lippen auf Lippen» von Man Ray hat mich gefesselt. Ich habe die Zeit einen Moment zurückgedreht und angehalten, das Geschehen dreidimensional erfasst. Die Variationen «dancing lips» und «floating lips» entstanden. Die Lippen berühren sich gerade nicht, noch nicht, nicht mehr oder niemals. Die Spannung hängt in der Luft. Folgt ein Kuss, folgt kein Kuss, ist der Kuss vorbei? Sind es Mann und Frau, sind es zwei Frauen oder sind es Männer? Sind es die Lippen von Liebenden, Freunden oder Verwandten - was kann dieser Moment bedeuten - Anfang oder Ende, Wiedersehen oder Abschied? Die Lippen bewegen sich, nähern sich an, distanzieren sich, berühren sich.

 

So stehen sie da wie «perfect world» und «rufus», fliegen durch den Raum wie «jonathan», wachsen organisch wie «red floret». Jede ein Individuum für sich, vielleicht auch eine multiple Persönlichkeit meiner Selbst. Moment mal schnell, der Fernseher läuft, «lips on canvas». «gossip», Klatsch und Tratsch. «david» ruft. In «balance» wäge ich die Worte ab. Dieses ewige hin und her, zwiegespalten, im «wortgefecht». «shush», beruhige dich, rote Lippen soll man küssen, «lucky lips» und «sensual lips» entstehen. "Too much of a good thing, can be wonderful", Mae West, oh ja, «big mae» ist gewachsen. Verführung und Genuss, «chérie» und «Grace» Kelly. Wobei wir nun bei «spaghetti» und «milk» angelangt sind, zusammen «my meal», bon appétit!

 

Die Werke sprechen für sich. Spielerisch, poetisch, tiefsinnig, zynisch, manchmal humorvoll erzählen sie Geschichten, ziehen sie den Betrachter in ihren Bann. Werke die ansprechen! Sie sind wie Küsse, man darf sie selber erforschen, erfahren, erspähen, sich genüsslich auf sie

einlassen..... und wie beim Küssen, noch schöner, wenn man sich Zeit, viel Zeit lässt dabei.